Lieber Besucher, du bist gerade auf unser Forum Legend Stories gestoßen.An dieser Stelle möchten wir uns gerne ein wenig vorstellen. Wir befassen uns grob gesagt mit allem Kreativen: Schriftstellerei, Malerei, Zeichnen, Photographie, Poesie, Romanen und noch einigen mehr. Wir bieten dir die Möglichkeit dein Projekt den anderen Mitgliedern vorzustellen und hier im Forum zu veröffentlichen, sodass du einerseits selber Reviews zu deinen Projekt erhälst und andererseits auch ein paar hilfreiche Ratschläge bekommst oder den einen oder anderen Kniff von fremden Projekten dazuzulernen kannst.

kostenlos registrieren | Passwort vergessen? | Erfahre mehr über uns !

Sie sind nicht verbunden. Loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich

Gehe zu Seite : 1, 2, 3  Weiter

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten  Nachricht [Seite 1 von 3]

Rahena

avatar
Phantarch
Phantarch
Diese Geschichte ist zwar noch (lange) nicht fertig, aber erstmal hab ich noch genug Seiten auf Vorrat, um euch ein paar Wochen oder Monate zu beschäftigen Wink

Prolog

Es ist nie einfach, einen geliebten Menschen für immer zu verlieren. Irgendjemand hat mal gesagt, es gäbe in solchen Fällen einen bestimmten Ablauf. Ich habe es nie geglaubt, doch jetzt kann ich es zu hundert Prozent bestätigen.
Alles beginnt mit einem Schock. Ich stelle es mir so vor, wie den Moment, in dem man merkt, dass derjenige, dem man auf der Welt am meisten vertraut, einen grade hinterrücks erstochen hat. Man glaubt nicht, was passiert ist, man will es einfach nicht glauben. Trotzdem merkt man, dass etwas in einem nicht mehr so ist, wie es sein sollte. Man realisiert noch nicht, was falsch ist, aber dieses Gefühl ist von Anfang an da und man wird es nie mehr los.
Die zweite Stufe ist Wut – pure Wut. Man ist nicht wütend auf jemanden oder etwas, die Wut ist einfach da und da man nicht weiß, auf wen oder was man böse sein soll, kann man es auch nicht rauslassen. Man will schreien, auf irgendetwas – oder jemanden – einschlagen, zur Not auf sich selbst, weil man es nicht verhindern konnte. Nichts kann diesen Zorn mildern. Ich glaube, er verschwindet auch nach langer Zeit nicht, sondern man lernt einfach, damit umzugehen und ihn zu überspielen.
Irgendwann realisiert man, was geschehen ist. Meist gibt es einen Auslöser dafür, sei es die Beerdigung oder eine Abschiedsnachricht des Verstorbenen. Dann beginnt die Trauer. Dies ist der härteste Teil, denn erst jetzt breitet sich im ganzen Körper ein unendlicher Schmerz aus, wann immer man an diesen Menschen erinnert wird. Es ist ein Gefühl, als würde einem die Brust zusammengepresst und gleichzeitig das Herz herausgerissen. Man möchte es seinem schlimmsten Feind nicht wünschen. Manchmal liegt man stundenlang nur da und weint in sich hinein, man kann sich auf teilweise simple Aufgaben nicht mehr konzentrieren, weil man an nichts anderes mehr denken kann, als an seinen Schmerz.
Dann, nach einer langen Zeit der Trauer, beginnt man, diese zu überwinden. Man nimmt an, was das Schicksal für einen bereitgehalten hat und versucht das Unmögliche, indem man eine positive Seite in der Situation sucht. Meist ist dieses Positive eine Aussage wie „da, wo er jetzt ist, geht es ihm besser“ und man versucht sich mit aller Kraft einzureden, dass das die Wahrheit ist, selbst wenn man eigentlich nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt. Tatsächlich hilft es. Langsam kann man wieder lernen, was es heißt fröhlich – sogar glücklich – zu sein, befreit zu lachen.
Ich hätte nie gedacht, dass es wirklich genau so ist, aber seit ich es selbst durchmachen musste, weiß ich es besser. Niemand kann das verstehen, wenn er es nicht selbst erlebt hat. Das ist ganz normal, denn man kann sich nicht in einen Zustand hineinversetzen, vor dem man sich – unbewusst – mehr fürchtet als vor allem anderen. Man ist dann zwar um einen geliebten Menschen ärmer, aber umso reicher durch die Erfahrung, wirklich viel durchmachen zu können ohne daran zugrunde zu gehen. Man ist dadurch gestärkt für kommende Schicksalsschläge und geht ganz anders an die Überwindung heran, denn man hat das Wissen – die Erfahrung – dass es zwar eine lange, harte Zeit ist, man aber irgendwann wieder ganz man selbst sein kann. Dass man wieder Spaß haben kann, lachen, leben.
Es reicht nicht, das in der Theorie zu wissen. Nichts führt an dieser schmerzhaften Erfahrung vorbei, um dieses Wissen zu erlangen. Man möchte es niemandem wünschen und doch weiß man, dass es keinen Ausweg gibt, denn irgendwen liebt jeder, seien es Eltern, Geschwister, der Ehepartner oder Freunde. Der Tod ist uns ganz nahe, immer und überall. Wir wollen es nicht wahrhaben, denken, wir sterben erst, wenn wir alt sind, aber das ist ein Irrtum.
Vor einigen Jahren habe ich diese Erfahrung gemacht, am eigenen Leib zu spüren bekommen, was es heißt, zu leben, während der wichtigste Mensch in meinem Leben viel zu früh gestorben ist. Ich habe den Wert des Lebens mehr zu schätzen gelernt, als ich es auf anderem Wege je gekonnt hätte.
Diese Nacht hatte das Potenzial, die schönste meines noch jungen und unschuldigen Lebens zu werden – zumindest habe ich das damals geglaubt. Doch alles kam anders, ganz anders, als ich es geplant hatte…

http://www.fanfiktion.de/u/Rahena

Nala

avatar
Phantarch
Phantarch
das ist super toll geschrieben. ich musste heulen weil das was du über die gefühle wenn jemand geliebtes stirbt so ziemlich stimmt. ich konnte nicht aufhöhren zu lesen weil das was da steht so mit reißent ist das ist super toll geschrieben. mein kompliment. Very Happy Wink

Rahena

avatar
Phantarch
Phantarch
Danke.
Ich muss zugeben, dass ich selbst geheult hab, während ich das geschrieben hab. Ich hab mir das nämlich nicht einfach so ausgedacht, sondern aus Erfahrung geschrieben.
Hier kommt dann das erste Kapitel:

1
08. März, 15:13 Uhr

Wow! Es war unglaublich. Ich musste es noch einmal lesen. Nur einmal noch! Dann würde ich es glauben, sicher… fast… na ja… Auf einen Versuch kam es an. Ich holte den zusammengefalteten Zettel zu x-ten Mal aus meiner Hosentasche und las die Worte, die ich eigentlich schon seit Tagen auswendig kannte. Aber irgendwie schien ich immer noch zu glauben, dass alles nur ein Traum war.
Ich war zu einer Überraschungsparty für Dean eingeladen, der heute achtzehn wurde. Dean! Der Dean! Dean Gordon. Dean, in den ich seit der achten Klasse unsterblich verliebt war, aber für den ich nie gut genug sein würde. Ich meine damit nicht, dass ich hässlich bin oder dumm, aber Deans Freundinnen sahen immer aus wie Topmodels. Und ich bin ein einfaches amerikanisches Durchschnittsmädchen. Und jetzt war ich eingeladen und die Party war heute Abend. Ich war jetzt schon so aufgeregt, dass die Worte des Lehrers vorne im Raum zu meinem einen Ohr rein und zum anderen wieder raus gingen.
Endlich klingelte es zum letzten Mal für diese Woche. Die Schule war zu Ende, das langersehnte Wochenende war da. Ich verabschiedete mich von Holly, meiner besten Freundin, und ging verträumt nach Hause. Ich merkte erst, dass ich angekommen war, als ich vor unserer großen dunkelbraunen Haustür stand. Ich zwang mich in die Realität zurück und bemerkte, dass das Auto meiner Mom nicht in der Auffahrt stand. Aber das war nichts Ungewöhnliches. Meine Mom war Immobilienmaklerin, eine der besten. Und wenn ein Kunde sofort einen Termin wollte, ließ sie meist alles stehen und liegen, um zu ihm zu kommen. Sie wollte ihren guten Ruf auf jeden Fall behalten. Selbst nachts schreckte sie nicht davor zurück, unverzüglich ans andere Ende der Stadt zu fahren. Manche würden jetzt wahrscheinlich sagen, meine Mom wäre ein Workaholic, aber ich wusste es besser, denn wenn sie zu Hause war, dachte sie keine Sekunde über ihre Arbeit nach – zumindest bis das Telefon klingelte und ein Kunde dran war. Sie hatte es ziemlich erfolgreich geschafft, Beruf und Privatleben voneinander zu trennen.
Ich schloss die Tür auf, dann ging ich in die Küche und schob mir eine Pizza in den Ofen. Als ich gegessen hatte, lief ich nach oben und stand ewig vor meinem Kleiderschrank. Wie sollte ich mich nur entscheiden, was ich anziehen konnte? Irgendwann fand ich dann doch eine enge Jeans und ein langes, grau-pinkes T-Shirt. Ich machte mich auf den Weg ins Bad, um zu duschen, mich zu schminken und meine widerspenstigen braunen Locken zu bändigen. Als ich endlich fertig war, war es halb neun, Zeit loszugehen.
Zuerst ging ich zu Holly, um sie abzuholen und dann liefen wir die restlichen paar hundert Meter zusammen. Wir waren fast die ersten. Nur wenige unserer Mitschüler – aber auch Gesichter, die ich noch nicht kannte – saßen schon im Sand oder standen am scheinbar laienhaft aufgeschichteten Lagerfeuer. Nach und nach trudelten immer mehr Leute ein. Es wurde dunkler und dunkler und in gleichem Maße kühler, im März war es auch in Kalifornien abends noch nicht warm.

http://www.fanfiktion.de/u/Rahena

Nala

avatar
Phantarch
Phantarch
die eigene erfahrung ist immer scheiße, geht mir genauso Crying or Very sad das erste kapitel ist aber noch nit voll ständig oder?



Zuletzt von Nala am Mo Okt 18, 2010 3:32 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet

Aiko

avatar
Phantarch
Phantarch
Ja, dass würde ich auch gerne wissen. Smile

Der Prolog ist super gut! Man kann echt mitfühlen, wie es einem selber gehen würden, wenn einem so was passiert. Das bekommt nich jeder hin, aber du hast es super gut umgessest.

Ich finde es auserdem toll wie du die Person beschrieben hast. Die meisten würden eine kurze Beschreibung der Person machen, aber deins erzählt es in Story. Find ich klasse! Very Happy


An dich Nala:
Spoiler:

Kannst du deine zwei Beiträge, die du hintereinander hast. In einen machen. Sonst mach ich es!

http://live-in-desteny.forumieren.com/index.htm

Rahena

avatar
Phantarch
Phantarch
Doch, das erste Kapitel ist schon zuende. Die Kapitel in dieser Geschichte sind alle recht kurz (mit wenigen Ausnahmen, beispielsweise das zweite ^^). Bei mir ist es nämlich immer so, dass ich ein Buch grade dann nicht aus den Händen legen kann, wenn die Kapitel kurz sind, weil ich dann immer denke "och, das nächste Kapitel ist ja nur 2 Seiten lang, das kann ich auch noch schnell lesen..." und das Kapitel danach ist dann auch nicht viel länger, das nehm ich dann auch immer noch mit usw. Diesen Effekt wollte/will ich auch ganz gern erreichen Wink
Das mit den Personenbeschreibungen ist mir auch besonders wichtig. Ich finde es einfach langweilig, wenn erstmal seitenlang geschrieben wird, wie die personen alle aussehen und dadurch die Geschichte nicht in Gange kommt. Grade da die Personen am Anfang einer Geschichte beschrieben werden, ist das schlimm, weil das gleich den ersten Eindruck "versaut". Also streue ich nach und nach ein paar Details ein, so dass man am Anfang nur eine ganz vage Vorstellung hat, die dann im Laufe der Geschichte immer genauer wird. Ich finde, dass es auch plump klingen kann oder - was noch schlimmer ist - Dinge vorwegnehmen. Ein Beispiel: im folgenden zweiten Kapitel beschreibe ich Saras Angst vor etwas bestimmten. Wenn ich das gleich am Anfang geschrieben hätte, dass sie Angst davor hat, hätte der Leser gleich gewusst, dass etwas passieren wird, das mit dieser Angst zusammen hängt, weil ich ja sonst nicht näher darauf eingegangen wäre.

Dann gehts mal weiter:

2
09. März, 00:28 Uhr

„Er kommt!“, rief plötzlich einer.
Wir jubelten und begannen Happy Birthday zu singen. Die Worte wären mir beinahe im Hals stecken geblieben. Dean hatte ein Mädchen im Arm und konnte sie scheinbar kaum aus den Augen lassen. Es war mal wieder so eine Neunzig-Sechzig-Neunzig-Tussi, die so aussah, als hätte sie im Make-up gebadet. Er sah nur ganz kurz von ihr weg, um dankbar in die Runde zu lächeln, dann setzte er sich neben sie ans Feuer und küsste sie so sehr, dass es aussah, als wolle er sie verschlucken.
„Ich… gehe“, konnte ich grade so hervorbringen. Holly streichelte mir tröstend über den Rücken, aber das konnte ich nicht den ganzen Abend mit ansehen. Ich stand auf und machte mich auf den Heimweg. Wieder war ich wie in Trance und wieder konnte ich nicht sagen, wie ich nach Hause gekommen war, ich stand einfach plötzlich vor unserer Haustür. Aber anders als das letzte Mal war ich diesmal nicht trunken vor Glück, sondern eher geschockt. Aber was hatte ich mir eingebildet? Dass ich wirklich eine Chance bei Dean hatte? Ich wusste selbst, dass es lächerlich war, aber das änderte nichts.
Erst jetzt bemerkte ich, dass noch etwas anders war als heute Nachmittag, als ich aus der Schule gekommen war: das Auto meiner Mom stand in der Auffahrt. Sie war also zurück und ich würde ihr auch noch erklären müssen, warum ich jetzt schon wieder zurück war und ich würde versuchen, meine Gefühle zu verbergen und sie würde es trotzdem merken, denn sie kannte mich einfach zu gut, als dass ich Geheimnisse vor ihr haben konnte.
Ich konnte mir nicht erklären warum, aber ich hatte ein seltsames Gefühl, als ich den Schlüssel ins Schloss steckte und ihn langsam drehte. Es war nicht nur wegen Dean und weil ich meiner Mom etwas erklären musste, das ich nicht wahrhaben wollte, ich hatte irgendwie so eine Ahnung, ich wusste nicht, was es war, aber es war nicht gut.
Ich öffnete die Tür und während ich die Schuhe auszog, rief ich, dass ich wieder da wäre. Ich bekam keine Antwort. Ich ging ins Wohnzimmer. Dort fand ich meine Mom. Ich sah nur ihren Hinterkopf, der über die Rückenlehne der großen, mitten im Raum stehenden Couch hervorschaute.
„Mom?“, sagte ich. Wieder antwortete sie nicht.
Der Fernseher flimmerte und ließ das dunkle Zimmer in ständig wechselndem Licht schimmern. Der Ton war so leise gedreht, dass man kaum etwas verstehen konnte. Das war eine Angewohnheit meiner Mom, die ich nie verstanden hatte. Sie saß fast jeden Abend, wenn sie nicht arbeitete, vor dem Fernseher, drehte die Lautstärke runter und löschte das Licht im Wohnzimmer. Grade deswegen verstand ich nicht, warum sie nicht reagierte. Sie hätte mich doch hören müssen. War sie vor dem Fernseher eingeschlafen? Das würde gar nicht zu ihr passen und außerdem hatte sie eigentlich einen sehr leichten Schlaf.
Ich machte ein paar Schritte auf die Couch zu. „Mom?“, fragte ich erneut, diesmal deutlich verstört. Sie zeigte immer noch keine Reaktion. Ich fasste sie an der Schulter. Sie kippte einfach zur Seite und machte den Blick auf den dunkelroten Fleck auf ihrer Brust frei, der langsam immer größer wurde, als die Wunde durch die plötzliche Bewegung wieder aufriss. Selbst im Tod war der Schrecken in ihrem Gesicht noch deutlich zu sehen. In ihren Augen las ich eine unglaublich erschrockene Überraschung.
Ich stieß einen kurzen Schrei aus. Vielleicht war es auch nur ein Keuchen, ich weiß es nicht mehr so genau. Aber auf jeden Fall stolperte ich rückwärts aus dem Wohnzimmer, dann aus dem Haus und später – immer noch rückwärts – durch den Vorgarten.
Plötzlich packte mich eine große Hand an der Schulter. „Sara“, sagte der Mann. Er klang aufgebracht. Woher kannte er meinen Namen? „Sara!“, rief er diesmal lauter und drehte mich mit einem heftigen Ruck zu sich um. Erst jetzt erkannte ich unseren Nachbarn Mr. Darrows. Er war groß, Ende fünfzig und sah mich mit ernster Miene an. Das war ungewöhnlich. Seit ich denken konnte, hatte er mich immer freundlich und spielerisch angelächelt. Ich fragte mich in diesem Moment ernsthaft, ob wohl etwas passiert sei. Ich hatte meine Gedanken ganz offensichtlich noch nicht so recht beisammen.
„Ich weiß, was passiert ist“, sagte er matt. Jetzt erinnerte auch ich mich wieder. Ich versuchte mich loszureißen. Ich wollte zu meiner Mom, sie jetzt nicht allein lassen. Ich wollte einfach nur bei ihr sein. Mr. Darrows war zu stark. Er zog mich zu seinem verbeulten weißen VW. Dann riss er die Tür auf und stieß mich grob hinein. Ehe ich überhaupt reagieren konnte, saß er schon neben mir auf dem Fahrersitz und fuhr los.
„Was haben Sie mit mir vor?“, fragte ich bissig. „Wollen Sie mich auch umbringen? Warum tun sie es nicht gleich hier?“
„Sara, ich habe keine Beweise und verstehe auch, wenn du mir nicht glaubst, aber bitte hör mir erstmal zu, bevor du mich verurteilst, okay? Ich habe deine Mutter nicht umgebracht. Ich weiß nicht genau, wer es war und warum, aber es gibt einiges, das du wissen solltest, bevor du vorschnell urteilst.“ Er wedelte mit der rechten Hand in meine Richtung. „Sieh ins Handschuhfach!“, forderte er mich auf.
Ich öffnete es. Alles was ich darin sehen konnte, war ein großer, prall gefüllter, weißer Papierumschlag. Ich nahm ihn heraus und hielt ihn fragend hoch. Mr. Darrows nickte kurz.
„Da ist alles drin, was du brauchst. Aber du darfst ihn noch nicht öffnen. Warte bis zum letzten Moment. Du darfst ihn erst auf machen, wenn du im Flugzeug bist.“
„Flugzeug?“, rief ich erschrocken. Ich hatte Flugangst, genau wie meine Mom. Deshalb hatte ich meinen Vater auch noch nie gesehen. Er lebte in Deutschland, das war alles, was meine Mom mir über ihn erzählt hatte. Sie hatte immer gewollt, dass ich meinen Dad wenigstens kennen lernte, aber dafür hätten wir fliegen müssen, denn Deutschland war nun mal nicht grade um die Ecke. Er hatte uns nie besucht. Vielleicht wusste er nicht einmal, dass ich existiere. Oder er wollte es nicht wissen.
Mein Nachbar nickte. „Ich kann dir im Moment nichts erzählen, aber da steht alles drin. Alles was deine Mutter gewusst hat und auch alles was ich weiß. Vielleicht sogar mehr als ich weiß.“

http://www.fanfiktion.de/u/Rahena

Nala

avatar
Phantarch
Phantarch
oh mein gott das 2. kapitel is voll toll ich konnte nit aufhören zu lesen. man hat zwar ne vorahnung was passiert sein könnte aber es zu lesen is trotzdem voll der schock.

Rahena

avatar
Phantarch
Phantarch
Ui! Dankeschön. Ich werd hier noch ganz verlegen xD Eine Stimme in meinem Kopf sagt grad: "Sie haben ihr Ziel erreicht." xD

Ich stell jetzt erstmal nur die erste Hälfte des dritten Kapitels online. Das dritte ist nämlich noch länger als das zweite (dürfte das längste überhaupt sein) und das vierte dafür umso kürzer. Ich werde dann die zweite Hälfte des dritten Kapitels zusammen mit dem vierten posten.

3
09. März, 01:25 Uhr

Das große weiße Gebäude des Flughafens tauchte vor uns auf. Die Glasfassade am oberen Teil wurde immer größer und deutlicher. Kurze Zeit später standen wir vor der Schranke, die den Parkplatz von der Straße trennte. Mr. Darrows führte eine kleine schwarz-rote Plastikkarte durch ein Lesegerät, das vor der Absperrung angebracht war und der rot-weiße Balken hob sich, um uns durchzulassen. Ich fragte mich, warum er diese VIP-Behandlung bekam, anstatt wie jeder normale Autofahrer auf jedem normalen Parkplatz ein Ticket zu bekommen, das er am Ende der Parkzeit bezahlen müsste. Ich stellte die Frage nicht laut, weil ich wusste, dass er sie abblocken würde. Genau wie alle anderen zuvor. Er hatte mir nicht eine meiner Fragen beantwortet – und wenn sie noch so wichtig waren. Alles, was er gesagt hatte, war, dass alles in diesem verdammten Umschlag steckte, den ich aber noch nicht öffnen durfte. Ich verstand es nicht. Warum wurde aus der Sache jetzt so ein Staatsgeheimnis gemacht?
Mr. Darrows parkte seinen Wagen rücksichtslos mitten über zwei Parklücken und stieg eilig aus. Obwohl ich mich beeilte aus dem Auto und hinter ihm her zu kommen, holte ich ihn erst ein, als er kurz stehen blieb um in dem Gewirr aus Menschen, Schaltern und Hinweisschildern den richtigen Check-In-Schalter zu finden.
Er drehte sich zu mir um. Bildete ich mir das ein oder wirkte er gehetzt? Oder hatte er vielleicht schon die ganze Zeit so ausgesehen? Ich konnte mich nicht erinnern.
„Warte hier“, sagte er. „Dauert nicht lange.“
Dann stellte er sich in eine der Schlangen an. Sie war kurz, höchstens fünf Leute warteten dort. Der Bildschirm über dem Schalter verkündete, dass der Flug nach San Francisco ging – und zwar in viereinhalb Stunden. Das war also die Galgenfrist, die mir noch blieb. Aber was sollte ich in San Francisco? Mr. Darrows kam schnell voran. Als er dran war, sah ich, wie er wieder sein Plastikkärtchen durch ein Lesegerät steckte. Die Frau hinter dem Schalter nickte ihm freundlich lächelnd zu und schob etwas zu ihm hinüber. Er nahm es an sich, fummelte eine Weile damit herum und kam eilig zu mir zurück.
Er streckte mir etwas entgegen. Erst als ich es nahm, sah ich, dass es der Gegenstand war, den er eben von der Flughafenangestellten bekommen hatte: ein Ticket. Und es war ausgestellt auf meinen Namen. Es wurde also tatsächlich ernst.
„Wie sind Sie so kurzfristig an Tickets gekommen?“ Ich wusste nicht, wie ich auf diese Frage gekommen war. Ich war nie jemand gewesen, der alles sofort aussprach, bevor er es dachte, aber die letzte Stunde hatte anscheinend einiges in mir verändert.
„Das wirst du noch erfahren“, antwortete er ausweichend (Was auch sonst? Sollte mich das noch wundern?) „Nur so viel: Ich habe gewisse… Quellen, okay?“
„Lassen Sie mich raten“, gab ich seufzend zurück. „Die Antwort ist im Umschlag.“ Ich schlug mit der rechten Hand auf meine knallgrüne Tasche, in die ich das verdammte Ding rücksichtslos gestopft hatte.
Er nickte mit einem schiefen Lächeln im Gesicht und einem Ausdruck in den Augen, als hätte ihm der Schlag auf meine Tasche selbst wehgetan. Er sagte aber nichts.
„Und was soll ich in San Francisco machen?“
Er wirkte verwirrt, dann verrieten ein Blitzen in seinen Augen und ein Zucken seiner Mundwinkel, dass er verstanden hatte, was ich meinte. „Du fliegst nicht nach San Francisco.“
Ich sah verdutzt zu dem Bildschirm, auf dem mittlerweile aber schon das Logo der Fluggesellschaft erschienen war.
„Nein“, fuhr er fort. „Das heißt, du fliegst schon nach San Francisco, aber da bleibst du nicht. Du fliegst von dort aus weiter nach London und dann nach Deutschland. Alles Weitere findest du im Umschlag. Ich fürchte, ich habe schon zu viel gesagt.“ Er drückte mir noch etwas in die Hand. Ich wusste nicht, was es war und faltete den bunten Papierfetzen neugierig auseinander. Jetzt sah ich, dass es ein Reisepass war. Nein, nicht ein Reisepass. Es war meiner. Meiner, den ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte, weil ich noch nie aus den USA hinaus gekommen war, nicht einmal aus Kalifornien. Ich fragte mich, wo er den her hatte, stellte die Frage aber nicht laut. Ich kannte die Antwort, die er mir geben würde ja bereits: Der mysteriöse, allwissende Umschlag würde mir alles verraten, wenn es an der Zeit war. Ich rollte innerlich mit den Augen.

http://www.fanfiktion.de/u/Rahena

Nala

avatar
Phantarch
Phantarch
die stimme in deinem kopf hat recht gehabt das wirklich toll man kann gar nicht aufhören zulesen man will mehr und mehr. bei euren guten geschichten traut man sich gar nicht die eigene rein zu stellen, weil eure so gut sind . falls deine geschichte später mal als richtiges buch raus kommt musst du mir das sagen dann kauf ich die mir freunde

Libbiosa

avatar
Phantarch
Phantarch
Ich kauf sie mir dann auch ^^ *mit Geldschein wedel*

http://legend-stories.forum.st

Rahena

avatar
Phantarch
Phantarch
Shocked Ihr würdet mich wirklich kaufen?! Omg!!! Irre ^^

Aber bitte, stellt eure Sachen trotzdem rein. Gebt niemals auf, nur weil ihr glaubt, jemand anderes sei besser. Man findet seine eigenen Sachen grundsätzlich schlechter als die anderer, obwohl sie das vlt gar nicht sind. Also verliert auf keinen Fall den Mut!

Die zweite Hälfte von Kapitel 3:

Dann steckte mir Mr. Darrows noch einen kleineren, dicken Umschlag zu. „Den musst du sofort aufmachen, wenn du in San Francisco ankommst“, sagte er. „Das ist wichtig, sonst kommst du nicht weiter und wir hätten uns den ganzen Aufwand sparen können. Den anderen Umschlag darfst du erst im Flugzeug nach London öffnen, verstanden? Auf amerikanischem Boden könnte er zu gefährlich werden.“
Diesmal war mein Augenrollen auch sichtbar. Langsam nervte mein Nachbar mich mit seinem übertriebenen Sicherheits-Getue. Ich knüllte den Umschlag achtlos zu dem anderen in meine Tasche. Mr. Darrows schob mich zum Security-Check. Erst als in der Schlange einige Menschen hinter mir standen, wünschte er mir viel Glück. „Du musst ab hier allein weiter“, sagte er. „Ich kann nicht weiter ohne Ticket.“
„Warum fliegen Sie nicht mit?“, fragte ich neugierig.
Er schüttelte entschieden den Kopf. „Das geht nicht. Wenn ich mitkommen würde, würden sie dich sofort finden. Pass gut auf dich auf, Sara. Sag niemandem, was passiert ist, du darfst niemandem vertrauen. Machs gut. Wir sehen uns wieder, wenn die ganze Sache vorbei ist, das verspreche ich dir.“
Er streckte mir zum Abschied die Hand entgegen. Ich ergriff sie. Dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und ging in Richtung Ausgang. Die Schlange rückte weiter vor. Ich war jetzt fast an der Reihe. Ich drehte mich noch einmal um, konnte meinen Nachbarn aber nirgends mehr entdecken, die Menschenmenge hatte ihn schon verschluckt.
Ganz plötzlich, von einem Moment auf den nächsten, fühlte ich mich so einsam wie nie zuvor in meinem Leben – und das obwohl um mich herum so viele andere Menschen waren. Zum ersten Mal in meinem Leben wusste ich, was genau das Wort „Heimweh“ bedeutete. Es hatte nichts mit der Entfernung von zu Hause zu tun oder mit der Länge der Zeit, die man woanders verbrachte. Ich war nicht weit weg, ich hätte zu Fuß nach Hause gehen können – es hätte lange gedauert, aber es wäre möglich gewesen. Was Heimweh wirklich war und was ich jetzt fühlte, war das Gefühl, niemanden zu haben, der einem zur Seite steht und im Notfall hilft. Das Gefühl, ganz auf sich allein gestellt zu sein.
„Miss?“ Die Stimme eines fremden Mannes in der Uniform des Flughafens und die dazugehörigen Augen, die mich misstrauisch aber besorgt anblickten, rissen mich in die Wirklichkeit zurück. Er hatte mich in einem Tonfall angesprochen, der unmissverständlich verriet, dass er das nicht das erste Mal getan hatte. Jetzt hörte ich auch die Leute in der Schlange hinter mir ungeduldig murren.
„Entschuldigen Sie.“ Ich schenkte dem Mann das süßeste Lächeln, zu dem ich im Moment im Stande war. Es musste eher wie eine Grimasse ausgesehen haben, trotzdem nickte er mir verzeihend zu. Ich legte meine Sachen auf das Band. Ich hatte natürlich nicht viel dabei, ich war ja nicht auf diese halbe Weltreise vorbereitet gewesen. Alles, was ich in die kleine Plastikschale legte, war meine Handtasche, in der außer diesen verdammten Umschlägen noch mein Handy, mein Portmonee und eine Packung Papiertaschentücher herumflogen. Dann ging ich selbst durch den Personenscanner. Nichts piepte, ich konnte gleich weiter gehen und mir mein Gepäck abholen. Auch damit schien alles in Ordnung zu sein. Warum auch nicht? Ich hatte ja schließlich so gut wie nichts dabei. Aber eins musste mir die Frau auf der anderen Seite des Bandes doch noch einschärfen: „Die Handys lässt du aber aus!“
Ich nickte verwirrt. Hatte sie ‚die Handys’ gesagt? Ich hatte doch nur eins dabei. Mein nagelneues Nokia mit Touchscreen und allem technischen Schnickschnack. Ich tat es als Versprecher ab. Nur weil Mr. Darrows mich auf dieses Geheimnis im Umschlag gepolt hatte, musste nicht hinter jeder Aussage gleich ein Mysterium stecken.
Auch auf meinem weiteren Weg durch die Kontrollen lief alles reibungslos ab. Es war fast zu problemlos, galten die Amerikanischen Sicherheitskontrollen doch als die gründlichsten und übertriebensten der Welt.
Ich folgte der Ausschilderung und hatte dadurch auch keine Schwierigkeiten, das richtige Gate zu finden. Ich setzte mich in den Wartebereich. Ich hatte noch viel Zeit und beschloss, etwas zu schlafen. Nach wenigen Minuten setzte sich aber ein Mann neben mich. Er war klein, dunkelhaarig und ich schätzte ihn auf Ende dreißig. Ich versuchte, ihn zu ignorieren und nun wirklich zu schlafen, aber ich spürte seine Blicke so intensiv, dass ich schon nach wenigen Sekunden die Augen wieder öffnete und genervt an die Decke starrte.
„Reist du ganz allein?“, fragte er mit starkem deutschem Akzent nachdem er mich eine ganze Weile betrachtet hatte.
Ich nickte nur.
„Wohin?“
„Deutschland“, rutschte es mir heraus. Ich hätte mir am liebsten auf die Zunge gebissen. Im nächsten Moment kam ich mir bei dem Gedanken lächerlich vor. Schon die paar Minuten mit Mr. Darrows hatten mich also auch so paranoid werden lassen. Wunderbar!
„So ein Zufall, ich auch.“
Ich nickte. Es sollte interessiert aussehen, aber in Wirklichkeit war das genaue Gegenteil der Fall. Mir fielen auf Anhieb tausend Dinge ein, die ich lieber getan hätte, als mich mit diesem Mann zu unterhalten.
„Und was machst du allein so weit weg?“, fragte er weiter. Er nervte. Warum redete er mit mir wie mit einem verschüchterten kleinen Kind, das sich verlaufen hatte?
Ich zuckte mit den Schultern.

4
9. März, 05:30 Uhr

Der Mann hatte mir stundenlang Löcher in den Bauch gefragt. Ich konnte einfach nicht mehr. Die ganze Nacht hatte er mich nicht eine Viertelstunde in Ruhe gelassen. Ich hätte gerne geschlafen, aber ich war mir nicht sicher, ob ich das gekonnt hätte, selbst wenn er nicht da gewesen wäre.
Er holte grade Luft, um weiterzufragen, da rettete mich eine verzerrte Stimme aus dem Lautsprecher, die verkündete, die Reisenden meines Fluges sollen sich zum Boarding bereit machen. Froh, dem Gespräch zu entkommen sprang ich auf und beeilte mich, zu der Schlange zu kommen, die sich bereits gebildet hatte. Ich hoffte nur, dass der Fremde genügend Anstand besaß, mir nicht hinterher zu dackeln. Er stellte sich brav hinter der vierköpfigen Familie, die hinter mir stand, an.

http://www.fanfiktion.de/u/Rahena

Nala

avatar
Phantarch
Phantarch
wie immer ist dir der 2. teil von kapitel 3 und kapitel 4 gelungen. in hinterkopf bildet sich die frage wer dieser mann ist?

und danke das du mich ermutigst eine eigene geschichte zu schreiben eine idee hab ich schon ich mus sie nur auf papier nringen;)

Rahena

avatar
Phantarch
Phantarch
Ja! Und schon wieder ein Ziel erreicht, da du dir diese Frage stellst, wer der Mann ist ^^ Wie es scheint, habe ich alles richtig gemacht xD
Hey, natürlich motivier ich dich! Wenn dich andere nicht motivieren, tut es niemand, denn wenn niemand an dich glaubt, ist es auch halbwegs unmöglich, dass du selbst an dich glaubst! Und ich glaube, dass jeder in der Lage ist, eine gute Geschichte zu schreiben, wenn er nur die richtige Idee und einen vernünftigen Schreibstil (der sich durch etwas Übung "erlernen" lässt) hat.

5
9. März, 05:45 Uhr

Ich wartete eine gefühlte Ewigkeit, bis es endlich voran ging. Als ich schließlich ganz vorne war, warf die Angestellte nur einen kurzen Blick auf mein Ticket und sah mich dann verdutzt an. „Sie haben Business Class gebucht, Miss“, erklärte sie. „Sie hätten sich in eine andere Schlange stellen können und wären früher in die Maschine gekommen.“
Ich sah sie mit großen Augen an und musste mich zusammenreißen, damit mir nicht die Kinnlade runter fiel. „Ich… ich wusste nicht…“, stotterte ich.
Die Frau erlöste mich. „Kein Problem“, beruhigte sie mich. „Das kommt häufiger vor, als Sie denken.“ Sie winkte mich an sich vorbei und ich betrat die lange Gangway. Je näher ich dem Flugzeug kam, umso langsamer wurde ich. Einige, die anfangs hinter mir gewesen waren, überholten mich sogar. Am Ende blieb ich fast stehen. Ich riss mich zusammen und ging weiter. Ich wusste, dass es kein Zurück für mich geben würde. Natürlich konnte ich kneifen und nicht in diesen Flieger einsteigen, aber wo sollte ich dann hin? Nach Hause konnte ich nicht mehr, ich hätte niemals weiterhin in dem Haus leben können, in dem ich meine tote Mutter gefunden hatte. Ich befand mich in einer Einbahnstraße und sie führte in Richtung Flugzeug. Keine Abzweigungen, keine Kreuzungen, keine Möglichkeit zu entkommen. Nur dieser eine Weg, den ich gehen musste, ob ich es wollte oder nicht. Und ich würde ihn gehen. Mir blieb keine Wahl.
Ich atmete tief durch und machte den letzten Schritt in den Flieger hinein. Ich wurde von einer großen blonden Stewardess zu meinem Platz geführt. Ich hatte nie in einem Flugzeug gesessen, aber natürlich wusste ich, wie es darin aussah. Nur hatte das hier nicht im Geringsten etwas mit den Flugzeugen in Filmen zu tun. Ich hätte mir nicht einmal vorzustellen gewagt, dass es so komfortabel sein könnte. Anstatt der langen, engen Sitzreihen waren jeweils zwei Sitze nebeneinander angebracht. Die Beinfreiheit war so groß, dass man ohne Probleme auch noch Yoga-Übungen hätte machen können – nicht dass ich das vorhatte, aber möglich wäre es gewesen.
Sie wies mir einen Platz zu und fragte mich, ob ich noch etwas wollte. Ich schüttelte den Kopf. Kaum hatte ich mich gesetzt, begann eine andere Stewardess damit, die Sicherheitsvorkehrungen zu erklären. Ich hörte kaum zu. Vielleicht wäre es besser, wenn dieses Flugzeug einfach abstürzen würde. Einfach vom Himmel fallen, wie ein Vogel, der erst weit oben merkt, dass er ein Pinguin ist und eigentlich gar nicht fliegen kann. Keine Überlebenden, einfach weg, ausgelöscht. Mein Leben hatte vor wenigen Stunden jeglichen Reiz verloren. Alles, wofür ich gelebt hatte, war den Bach runtergegangen. Ich war alleine und wusste nicht, wie ich weitermachen sollte. Alles war geplatzt. Wie eine Seifenblase. Dahin. Unwiderruflich.
Ich lebte wie in einem Nebel. Ich spürte nicht wirklich Trauer, Wut oder etwas dergleichen. Ich spürte einfach gar nichts – außer vielleicht meine Angst vorm Fliegen. Alles was ich wusste war, dass es vorüber war. Ich hätte in dem Moment nicht sagen können, was vorbei war, aber ich spürte dennoch, dass ich nie mehr die gleiche sein würde. Nie mehr die Sara, die ich heute Nachmittag noch gewesen war. Nicht die Sara, die die letzten Wochen wie im Traum nur einem Abend entgegengeblickt und nichts um sich herum wahrgenommen hatte. Jetzt bereute ich es. Ich hätte mehr Zeit mit meiner Mom verbringen sollen, mehr mit ihr reden, sie öfter in den Arm nehmen. Ich hätte Holly mehr bei ihren Schwärmereien über Kyle zuhören sollen. Nie wieder würde ich die Sara sein, die genau diesem Abend so hoffnungsvoll entgegengeblickt hatte – und so ungeheuer enttäuscht worden war. Nie wieder. Ich war eine Andere. Ich hieß immer noch Sara Ford und ich sah nicht anders aus als vorher, höchstens etwas übernächtigt, und doch war ich eine ganz andere Person.
Ich spürte das Flugzeug um mich herum ruckeln. Wir begannen zu rollen. Das war’s. Jetzt war ich dem Piloten endgültig ausgeliefert. Allein, verlassen und voller was-wäre-wenn-Gedanken. Am liebsten wäre ich jetzt aufgesprungen, aus der Maschine gerannt und hätte so viel Raum wie möglich zwischen mich und den Flughafen gebracht. Ich schaffte es, mich so lange zu überwinden, bis ich endgültig nicht mehr den Schimmer einer anderen Möglichkeit hatte. Ich tu das für meine Mom, redete ich mir ein.
Das Flugzeug beschleunigte und ich wurde in meinen Sitz gepresst. Aus dem Augenwinkel sah ich durch das Fenster den Flughafen an mir vorbeiziehen. Plötzlich wurde ich nicht mehr nur nach hinten, sondern auch nach unten gedrückt. Wir waren abgehoben. Meine Kehle schnürte sich zu, ich konnte kaum noch atmen. Mir wurde warm und gleichzeitig kalt. Am liebsten wäre ich sofort in Tränen ausgebrochen – oder vielleicht sogar gleich gestorben? Ich krallte mich mit verzweifelter Kraft an den Armlehnen fest, in der unsinnigen Hoffnung, sie könnten mich beschützen.
Irgendwie löste sich der Knoten in meinem Hals langsam. Vielleicht merkte ich im Unterbewusstsein, dass all die Katastrophen, die ich mir schon für Sekunden nach dem Start ausgemalt hatte, ausblieben – wenn auch nur für den Augenblick. Ich schielte vorsichtig aus dem Fenster neben mir. Ganz weit unten konnte ich noch Straßen und Häuser erkennen, die immer kleiner wurden. Jetzt drehte ich den Kopf ganz herum und sah genauer hin. Auf irgendeine Art war es schon schön. Meine Hände lockerten sich etwas um die Armlehnen.
Plötzlich legte sich das Flugzeug in eine starke Linkskurve. Ich sah die Erde wieder bedrohlich näher kommen und zog in einer hastigen Bewegung das Fenster zu. Ich atmete tief durch und schloss die Augen. Mit aller Kraft probierte ich mir vorzustellen, ich wäre auf festem Boden.

http://www.fanfiktion.de/u/Rahena

Nala

avatar
Phantarch
Phantarch
cool nochmal danke und dein 5. kapitel ist auch sehr schön am ende als die linkskurve kommt will man unbedingt wissen ob sie jetzt abstürzen oder so.... Wink

Rahena

avatar
Phantarch
Phantarch
Findet ihr, dass ich die Flugangst gut beschrieben hab? Das fiel mir nämlich sehr schwer, da ich selbst nie Angst vorm Fliegen hatte. Ich hab mir da ganz extrem von einem Song unter die Arme greifen lassen ^^ (https://www.youtube.com/watch?v=jXZELKjBcLM) Wenn ihr findet, dass die Passage gut (also richtig gut) ist, muss ich mich dringend noch beim Songschreiber bedanken beim nächsten Konzert ^^

6
9. März, 09:53 Uhr

Der Flug hatte nicht lange gedauert. Auf dem Flughafen von San Francisco hatte ich eine halbe Ewigkeit verbringen müssen. Ich hatte das Gefühl, mehr Zeit auf Flughäfen als in der Luft verbringen zu müssen und ich war mich nicht so sicher, was schlimmer war. Ich hatte mich wieder von meiner Angst erholen können, obwohl die Landung wieder schrecklich gewesen war. Ich war mir sicher, durchdrehen zu müssen, wenn ich dieses auf und ab der Angst noch einmal erleben müsste. Und das würde ich schon bald. Und danach sogar noch einmal. Es fing schon wieder an.
Ich saß schon im nächsten Flugzeug. Diesmal hatte Mr. Darrows sogar First Class für mich gebucht. Ich war überwältigt gewesen von dem Luxus. Einzelne weiche Sessel waren in der Kabine verteilt. Durch dünne Wände waren sie voneinander abgetrennt. Ich hatte das Gefühl, ich müsste nur an etwas zu Trinken denken und eine Stewardess würde sich neben mir materialisieren und mir jeden Wunsch von den Augen ablesen.
In dem kleinen Umschlag, den ich von ihm bekommen hatte, war ein weiterer Umschlag gewesen. „In London öffnen!“ hatte darauf gestanden. Ich hatte ihn mit einem Seufzen zurück in meine Tasche gesteckt. Außerdem war mir ein Flugticket entgegengeflattert. Von San Francisco nach London, First Class. Was mich am meisten am Inhalt dieses Umschlags überrascht hatte und was ihn so dick hatte werden lassen, war ein Stapel europäischen Geldes. Ich hatte die Scheine gezählt: Es waren vierhundertachtzig Euro. Ich hatte keine Ahnung, ob das viel oder wenig war, ich kannte den Wechselkurs nicht. Ich hatte mich nie damit beschäftigt. Warum auch? Ich hatte schließlich Flugangst und war der festen Überzeugung gewesen, nie nach Europa zu kommen. Selbst wenn, er änderte sich ständig. Hätte ich mich für alle Wechselkurse der Welt interessieren sollen, nur weil der Hauch einer winzig kleinen Möglichkeit bestand, dass ich irgendwann einmal in dieses Land reisen würde? Das war lächerlich. Ich hatte das Geld zu den knapp dreißig Dollar in meinem Portmonee gesteckt. Es war trotzdem seltsam, dass Mr. Darrows mir Geld gegeben hatte. Alles war seltsam seit gestern Abend.
Ich saß in meinem Sitz und versuchte mich schon mal innerlich auf den bevorstehenden Start vorzubereiten. Jetzt konnte ich spüren, dass das Flugzeug sich bewegte. Schon bald hoben wir ab. Dieses Mal war es nicht ganz so schlimm. Vielleicht würde es ja immer besser werden, dann wäre der letzte Flug, den ich noch vor mir hatte vielleicht sogar halbwegs schön.

http://www.fanfiktion.de/u/Rahena

Nala

avatar
Phantarch
Phantarch
du hast die flugangst gut beschrieben und das lied hat dir anscheinend sehr geholfen ich hab mir das lied mal angehört

Rahena

avatar
Phantarch
Phantarch
Gut, dann kann ich ja Dän nächstes Mal danke sagen xD

Dann machen wir mal weiter. Der nächste Abschnitt ist wieder etwas länger.

7
9. März, 10:39 Uhr

Die Lampe mit dem Anschnallzeichen über meinem Kopf war grade erloschen. Ich löste den Gurt, stand auf und holte meine Tasche aus dem Gepäckfach über mir. Nachdem ich mich wieder auf meinen Platz gesetzt hatte, zog ich langsam den großen Umschlag heraus. Ich atmete tief durch bevor ich ihn öffnete. Wenn Mr. Darrows recht hatte, würde er mir meine Fragen beantworten – endlich. Aber wollte ich wirklich wissen, warum meine Mutter tot war und ich mich auf den Weg in ein Land machte, das ich nur aus den Erzählungen meiner Mom kannte? Ich schüttelte den Kopf, um diese Zweifel loszuwerden. Natürlich wollte ich es nicht wissen, aber manchmal gab es Entscheidungen, die man nicht danach treffen durfte, ob man wollte oder nicht, sondern ob man musste oder nicht. Ich spürte, dass ich diesen Umschlag öffnen musste.
Mit dem Zeigefinger riss ich das Papier auf. Das erste, das ich zwischen die Finger bekam, war ein Blatt Papier. Vorsichtig nahm ich es heraus. Schon mit einem flüchtigen Blick erkannte ich auf beiden Seiten die Handschrift meiner Mom. Wieder bildete sich ein dicker Kloß in meinem Hals, aber diesmal kam er nicht vom Fliegen – und er würde schon gar nicht mit der Zeit langsam verschwinden, das wurde mir sofort klar. Ich las:

Sara.
Wenn du das hier liest, heißt das, dass ich tot bin. Es tut mir so leid, dass ich nicht öfter bei dir sein konnte. Sicher musst du jetzt das Land verlassen oder zumindest untertauchen und fragst dich wahrscheinlich, warum das alles passiert. Ich will versuchen, es dir zu erklären.
Ich muss dir beichten, dass ich nicht immer die Wahrheit gesagt habe. Ich bin keine Maklerin, sondern Agentin bei einer Geheimorganisation. Mr. Darrows arbeitet auch bei uns und ich vertraue ihm blind, deshalb habe ich ihm diesen Umschlag und damit die Aufgabe gegeben, dich zu beschützen, wenn mir etwas zustößt.
Das wichtigste ist im Moment, dass diejenigen, die mich umgebracht haben, dich nicht finden können. Wer das ist, weiß ich selbst nicht genau, ich weiß nur, dass irgendeine Organisation, die ich in meiner Laufbahn ausspioniert habe, seit einiger Zeit hinter mir her ist.
Wenn du noch im Land sein solltest, hält Mr. Darrows die Gefahr für gering und wenn er das glaubt, kannst du ihm vertrauen, er hat Erfahrung. Wenn du jetzt aber im Flugzeug sitzt und Amerika verlässt, hat er alles in die Wege geleitet, was er konnte ohne aufzufallen, um dich nach Deutschland zu bringen. Was er getan hat, kann nicht viel sein, denn wenn die Kerle mich gefunden haben, wird sicherlich auch er überwacht. Du wirst also allein zurechtkommen müssen. Eine Adresse kann ich dir nicht geben. Selbst wenn ich sie wüsste, wäre es zu gefährlich.
Alles, womit ich dir helfen kann, ist in diesem Umschlag. Du wirst ein Handy finden. Darin ist genau eine Nummer eingespeichert, die musst du anrufen. Sie gehört einem Kontaktmann, Mathias Setzer. Du kannst ihm vertrauen, er ist ein langjähriger Vertrauter von mir. Benutze auf keinen Fall dein Handy, um ihn anzurufen, sondern das neue! Nimm sofort den Akku und die SIM-Karte aus deinem Handy und wirf es am nächsten Flughafen weg, damit sie dich nicht orten können.

Ich weiß, dass eine Entschuldigung unmöglich wieder gutmachen kann, was du mit Sicherheit durchmachen musstest und immer noch musst, aber ich hoffe, dass du mir trotz allem verzeihst. Ich liebe dich mehr als alles andere und könnte es mir nie verzeihen, wenn du meinetwegen in größere Schwierigkeiten geraten würdest, als du ertragen kannst. Bitte vergiss nie, dass ich dich liebe.

Fühl dich ein letztes Mal geküsst von mir.
Deine Mom


Ich las den Brief noch einmal. Dann noch einmal und noch einmal. Ich hörte erst auf, als ich durch den Tränenschleier vor meinen Augen nichts mehr sehen konnte. Ich ließ ihn langsam sinken. Langsam klärte sich der Nebel in meinen Gedanken und offenbarte etwas, das ich bisher erfolgreich verleugnet oder zumindest ignoriert hatte. Die letzten Worte meiner Mom hatten die undurchdringliche Mauer, die um meine Gefühle entstanden war, einfach einstürzen lassen – wie ein Kartenhaus im Wind.
Jetzt spürte ich all die Emotionen, die ich vermisst hatte, gleichzeitig. Ich wusste nicht, ob ich aus Trauer oder Wut schreiben sollte. Wahrscheinlich lag es auch nur an dieser Unentschlossenheit, dass ich gar nicht schrie. Ich merkte es kaum, dass mir die Tränen jetzt in Strömen übers Gesicht liefen, es war mir auch egal. Meine Kehle schnürte sich zu, ich bekam keine Luft mehr. Ich schluchzte laut auf. In meiner Brust entstand ein tiefer Schmerz. Ein Schmerz, wie ich ihn noch nie in meinem Leben gespürt hatte. Ich war mir sicher, dass dieser Schmerz nie aufhören würde. Ich würde mich an ihn gewöhnen und vielleicht würde er ein bisschen abschwellen, aber ganz verschwinden würde er nie.
Ich spürte, dass jemand neben mir stand. Ich wischte mir mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen und sah die große Stewardess neben mir an. Sie sah ehrlich besorgt aus.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte sie.
Das war mit Sicherheit die dämlichste Frage, die sie mir hätte stellen können. Trotzdem nickte ich und versuchte, meine Lippen zu einem Lächeln zu verziehen.
„Sicher?“, hakte sie nach. Sie glaubte mir nicht, aber das wunderte mich nicht. Das Lächeln auf meinem Gesicht konnte nicht überzeugend sein – wenn sie es überhaupt als Lächeln erkannte.
„Darf ich kurz mit meinem Handy telefonieren?“, fragte ich mit leiser, schwacher Stimme. „In Deutschland weiß noch keiner, dass ich komme.“
„Tut mir Leid“, antwortete die Frau und an ihrer Stimme erkannte ich, dass es keine leere Floskel war, sondern sie wirklich Mitleid mit mir hatte, vor allem weil sie mir jetzt auch noch meinen Wunsch abschlagen musste. „Das geht nicht. Aber wenn du willst, kannst du unser Bordtelefon benutzen.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich hab die Nummer nicht im Kopf.“
„Ich darf leider keine Ausnahmen machen, aber du kannst telefonieren, wenn wir in London gelandet sind. Von dort aus dauert es noch anderthalb Stunden. Schafft das derjenige, der dich abholt, in der Zeit?“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Wo wohnt er denn?“, fragte sie weiter.
„Ich weiß nicht.“
„Sie sah mich mit gerunzelter Stirn an. „Weißt du überhaupt, wer dich abholt?“, fragte sie scherzhaft.
Ich versuchte zu lächeln und schüttelte dann hilflos den Kopf.
Die Stewardess seufzte. „Ich muss dich jetzt allein lassen“, erklärte sie dann. „Wenn du etwas brauchst, bin ich sofort für dich da, okay?“
Ich nickte müde. Sie drehte sich um und ging. Ich lehnte meinen Kopf an das kleine Fenster neben mir und sah hinab. Das monotone Blau des Ozeans unter mir beruhigte mich irgendwie. Ich schaffte es, nicht in Panik zu geraten und die restlichen Tränen wegzublinzeln.

http://www.fanfiktion.de/u/Rahena

Nala

avatar
Phantarch
Phantarch
der brief ist wirklich gut geschrieben als da stand stand das sie erst aufhörte zu lesen als sie einen tränenschleier vor ihren augen hatte musste ich auch weinen Crying or Very sad

Rahena

avatar
Phantarch
Phantarch
Daaaaaanke Very Happy Ich fang auch gleich an zu weinen - und zwar vor Glück. Emotionen im Leser hervorrufen, ist das nicht das, was jeder Autor erreichen will?

8
10. März, 5:40 Uhr

Den gesamten restlichen Flug hatte ich auf die Landung gewartet. Jetzt wollte ich wirklich wissen, wen ich anrufen sollte und vor allem ob er mir sagen konnte, warum das alles passiert war. Ich glaubte, ich hatte auch ein paar Minuten geschlafen, aber sicher war ich mir nicht mehr. Ich erinnere mich, in Gedanken gewesen zu sein. Gedanken an alles, meine Mom, mein altes Leben, Holly, Dean. Irgendwann – ich hatte nicht das Gefühl, dass es nach langer Zeit gewesen war, aber das musste es – war die Stewardess wiedergekommen. Ich hatte die Frau erst bemerkt, als sie mich an der Schulter gefasst hatte.
„Wir werden bald landen“, hatte sie gesagt. „Du musst dich jetzt anschnallen.“
Das hatte ich getan, dann hatte ich wieder aus dem Fenster geschaut. Es war unglaublich gewesen, die Häuser und Straßen immer größer werden zu sehen. Es hatte immer noch etwas Beängstigendes gehabt, war aber gleichzeitig faszinierend und wunderschön gewesen. In meinem Inneren hatte ein ständiger Kampf zwischen Faszination und Angst getobt. Die Faszination hatte knapp gesiegt, aber ganz ergeben hatte sich die Angst nicht, sie war immer noch in einem Teil meines Unterbewusstseins vorhanden gewesen.
Ich befand mich jetzt auf dem Weg vom Flugzeug zum Gebäude des großen Flughafens. Kurz bevor ich es erreichte, holte ich das neue Handy aus der Hosentasche, in die ich es gesteckt hatte. Ich schaltete es ein. Nachdem ich tief durchgeatmet hatte, wählte ich das Telefonbuch aus. Wie meine Mom geschrieben hatte, befand sich genau eine Nummer darin. Es stand kein Name dabei, nur die Aufforderung: „anrufen!“ Ich drückte auf dem kleinen grünen Hörer. Es dauerte eine Weile, bis die Verbindung aufgebaut war, dann hörte ich das erste Freizeichen. Nach dem dritten hob ein Mann ab.
„Setzer?“, meldete er sich.
„Erm… I’m…“, stammelte ich auf Englisch. Dann fiel mir ein, dass der Mann Deutscher sein musste. „Ich bin… Mein Name ist Sara Ford“, sagte ich in meiner Meinung nach fast perfektem Deutsch. „Ich soll Sie anrufen. Ich habe einen Brief von meiner Mom bekommen, Lyla Ford. Und ein Handy mit …“
„Ich weiß bescheid“, unterbrach er mich. „Wo bist du jetzt?“
„London“, antwortete ich knapp.
„Und wann kommst du in Deutschland an?“
„Oh!“, rief ich ins Telefon. „Moment.“ Ich hatte vergessen, den letzten Umschlag von Mr. Darrows zu öffnen. Ich wühlte ihn aus meiner Tasche und riss ihn auf. Ein weiteres Flugticket segelte mir entgegen. Wieder Business Class. Warum hatte er so teure Tickets für mich gekauft? Economy hätte doch auch gereicht. Erneut fragte ich mich, warum mich bei meinem Nachbarn überhaupt noch etwas wunderte. Innerhalb weniger Minuten hatte er alle Vorstellungen, die ich jemals über ihn gehabt hatte, über den Haufen geworfen – übrig geblieben war ein völlig Fremder. Ich suchte die Ankunftszeit auf meinem Ticket. „Kurz vor halb zwölf“, sagte ich zu Setzer, als ich sie gefunden hatte.
„Ich werde dich am Flughafen abholen.“
„Warum passiert das alles?“, beeilte ich mich zu fragen, bevor er auflegte.
„Nicht jetzt. Ich sag dir alles, was ich weiß, wenn du hier bist. Wir können das nicht übers Telefon bereden.“
Dann legte er ohne ein weiteres Wort auf. Seine Antwort war nicht viel besser gewesen als die von Mr. Darrows. Ständig wurde ich auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet. Ich schwor mir, dass ich in Deutschland angekommen diesen Setzer nicht so einfach davonkommen lassen würde. Er würde mir Rede und Antwort stehen müssen, vorher würde ich ihn nicht in Ruhe lassen.

http://www.fanfiktion.de/u/Rahena

Nala

avatar
Phantarch
Phantarch
und wieder will man weiter lesen.wenn es zu einem richtigen buch wird würde ich es in einer nacht durchlesen Wink

Rahena

avatar
Phantarch
Phantarch
Yay! Dann muss ich mich wohl doch mal an nen Verlag wenden xD

9
10. März, 11:38 Uhr

Ich war überrascht. Zum einen darüber, wie klein ein öffentlicher Flughafen sein konnte, und zum anderen darüber, dass ich kaum erschöpft war. Wenn überhaupt, hatte ich nur ganz kurz auf dem Flug von San Francisco nach London geschlafen. Auf dem vergleichsweise kur-zen letzten Flug hatte ich kein Auge zugetan. Ich war schließlich langsam doch aufgeregt ge-worden, was mich hier erwartete.
Ich verließ die Halle mit den Gepäckbändern ohne wie die meisten anderen auf einen Kof-fer zu warten. Der Zoll ließ mich passieren – was hätte ich in der kleinen grünen Tasche auch schmuggeln sollen? In der Halle dahinter standen viele Wartende – der Raum war fast voll. Ich musste mich an allen vorbeiquetschen und den einen suchen, der ein Schild mit meinem Namen hielt.
Der Mann, der auf mich wartete und jetzt vor mir stand, musste etwas älter sein als meine Mom, nicht viel. Er sah sehr sportlich aus, war groß und muskulös. Er gehörte zu den Männern vor denen man sich einerseits fürchten konnte, wenn man sie gegen sich hatte, aber denen man andererseits zutrauen würde, dass sie einen mit bloßen Händen gegen einen wild gewordenen Bären verteidigen könnten. Ich ertappte mich dabei, erleichtert aufzuseufzen, als ich mich daran erinnerte, dass meine Mom ihm vertraut hatte.
„Sind Sie Herr Setzer?“, sprach ich ihn an. Er nickte nur, machte aber ansonsten nicht den Eindruck, dass er mich bemerkt hatte. „Ich bin Sara“, ergänzte ich, als ich merkte, dass ich keine Antwort bekommen würde.
„Darf ich deinen Ausweis sehen?“
„Was?“ Obwohl ich nicht den Schimmer einer Ahnung hatte, was das sollte, kramte ich meinen Ausweis aus der Tasche und reichte ihn dem Mann.
Er blickte prüfend zwischen dem Ausweisfoto und meinem Gesicht hin und her. Es war unangenehm, von ihm so eingehend betrachtet zu werden. Dann gab er mir meinen Ausweis zurück.
„Tut mir leid“, sagte er. „Das ist nur eine Sicherheitsmaßnahme, man kann ja nie wissen.“
Ich versuchte verzeihend zu lächeln. Jetzt waren alle bekloppt! Der Kerl schien sogar noch schlimmer zu sein als Mr. Darrows. Wenn das so weiter ging, konnte es noch heiter werden.
„Also, ich bin Mathias Setzer, hast du ja schon bemerkt“, stellte er sich endlich vor. „Hast du kein Gepäck dabei?“
Ich schüttelte den Kopf und hielt meine grüne Tasche hoch. „Nur meine Handtasche. Ich hatte keine Zeit, etwas einzupacken. Es ging alles verdammt schnell zu Hause.“
Er schien mir gar nicht mehr zugehört zu haben, zumindest bekam ich keine Reaktion von ihm. Er schnappte mich am Arm und zog mich durch die Menge in Richtung Ausgang. „Mein Sohn Jonas wartet draußen auf uns“, erklärte er. „Wir werden dich zu uns nach Hause bringen. Dort bist du hoffentlich sicher.“
„Hoffentlich?“, wiederholte ich und bekam natürlich wieder keine Antwort – wie ich es seit der letzten Nacht gewohnt war. Warum machte ich mir überhaupt noch Hoffnungen, dass irgendeine meiner Fragen beantwortet werden würde?
Wir hatten den Ausgang erreicht. Setzer steuerte zielstrebig einen silbernen Opel an. Der Motor wurde angelassen, als wir noch einige Meter entfernt waren. Jetzt konnte ich sehen, dass jemand hinter dem Steuer saß. Es musste Setzers Sohn sein, zumindest passte das Alter, soweit ich das beurteilen konnte.
Setzer öffnete mir eine der hinteren Türen. Während ich einstieg, blieb er neben mir stehen und sah sich immer wieder mit gehetztem Blick um. Kaum hatte er die Tür hinter mir ge-schlossen, ertönte ein Knall. Setzer wankte und hinterließ eine rote Spur, als er gegen das Au-tofenster stieß, hinter dem ich saß. Er hielt sich die linke Schulter, doch seine Finger konnten das Blut nicht stoppen, das aus seiner Schussverletzung strömte.
Ich schrie. Von vorne hörte ich Setzers Sohn fluchen, aber das drang nur am Rand in mein Bewusstsein. Ich musste an meine Mom denken. Daran, wie ich sie gefunden hatte. Mit einer Schussverletzung in der Brust. Mein Herz schien auszusetzen, dann zog sich meine Brust zu und ich konnte kaum noch atmen. Ich musste wieder genau das Gefühl erleben, dass ich schon im Flugzeug gehabt hatte, als ich ihren Brief gelesen hatte – nur dass es dieses Mal noch viel schlimmer war.
Setzer riss die Beifahrertür auf. Bevor er einsteigen konnte, knallte es erneut und er zuckte wie unter einem Stromschlag zusammen. Aus einem Einschuss in Bauch und Rücken schoss noch mehr Blut. Er brach zusammen. Mit einer Hand hielt er sich an der Autotür fest, der Rest des Körpers saß in der schnell größer werdenden Blutlache auf dem Parkplatzboden.
„Jonas“, stieß er hervor. „Bring sie zu Stefan.“
„Nein!“, schrie Jonas. Ich hörte ihn zum ersten Mal richtig. Ich mochte seine Stimme. Selbst in diesem aufgebrachten Zustand hatte sie noch etwas Beruhigendes. „Ich bringe dich ins Krankenhaus.“
„Jonas, ich werde sowieso sterben“, keuchte er. „Ich schaffe es nicht mehr bis zum Kran-kenhaus, egal wie schnell du fährst. Wenn ihr jetzt nicht zu Stefan fahrt, bringen sie euch auch um. Jetzt hau ab!“
Mit diesen Worten stieß er die Tür zu und rollte sich vom Auto weg. Jonas schrie und öff-nete die Fahrertür. In dem Moment, in dem er sich abschnallte und Anstalten machte, das Au-to zu verlassen, knallte der nächste Schuss. Die anderen Menschen auf dem Parkplatz kreisc-hten und liefen wie wild auf dem Flughafengelände umher. Ich bekam es kaum mit, denn hin-ter mir zersprang unter einem vierten Knall die Heckscheibe des Opels.
Jonas schloss die Fahrertür. Im Rückspiegel konnte ich sehen, dass seine Augen vor Schreck weit aufgerissen waren. Er startete den Wagen, gab Vollgas und fuhr mit quietschen-den Reifen aus der Parklücke. Ich hörte weitere Schüsse. Jonas fluchte, aber das erkannte ich nur am Tonfall, die genauen Worte konnte sie nicht verstehen.

http://www.fanfiktion.de/u/Rahena

Nala

avatar
Phantarch
Phantarch
das war gut ich selbst hatte angst obwohl mir nichts passieren kann. nur da sind bindestriche in manchen wörtern das irritert ein bisschen. aber sonst sehr gut Wink

Rahena

avatar
Phantarch
Phantarch
Ah, habe bei Word automatische Silbentrennung aktiviert und das dann einfach hier rein kopiert. Werde es mir in Zukunft immer nochmal durchlesen, bevor ich es hier poste.

10
10. März, 11:56 Uhr

„Komm nach vorne“, schrie er, obwohl ich direkt hinter ihm saß.
„Jetzt? Wir fahren!“ Wir fuhren nicht einfach nur irgendwie, nein, wir fuhren mit Tempo achtzig durch die Stadt!
„Ich werde nicht anhalten, damit die Kerle uns einholen.“
Ich ergab mich und kletterte umständlich über Handbremse und Schaltknüppel auf den Beifahrersitz. Dabei stieß ich Jonas mehrmals an. Das Auto schlingerte. Ich hatte jetzt fast noch mehr Angst als ein paar Minuten zuvor, als auf mich geschossen worden war. Ich saß noch gar nicht richtig, da sah ich aus der Straße rechts von uns einen LKW heranrasen. Jonas schien ihn nicht zu bemerken.
„Brems!“, schrie ich entsetzt.
Jetzt sah auch er den LKW. Wieder fluchte er. Ich konnte dieses Mal ein ganz eindeutiges „Fuck“ verstehen. Er trat auf die Bremse und riss das Lenkrad nach links. Der LKW fuhr weiter hupend auf uns zu. Ich weiß nicht, wie wir es schafften, aber irgendwie stießen wir nicht mit ihm zusammen. Als die Gefahr vorüber war, gab Jonas Gas, als wäre nichts gewesen.
„Toller Fahrstil“, keuchte ich ironisch. „Ich glaub, das ist egal, ob die uns einholen. Wenn nicht, bringst du uns einfach um. Hast du überhaupt einen Führerschein?“
„Habe ich“, antwortete er abwesend. „Und vielleicht hast du es ja noch nicht bemerkt, aber wir sind auf der Flucht. Und ich bin im Moment mit etwas anderen Dingen beschäftigt, als für dich den perfekten Chauffeur zu spielen.“
„Tut mir leid“, stammelte ich betroffen. Er hatte Recht. Vor seinen Augen war grade sein Vater ermordet worden und ich verlangte auch noch, dass er sich an die Verkehrsregeln hielt. Ich sollte am besten wissen, dass er seinen Kopf im Moment woanders hatte. Er sagte nichts.
Die ganze Fahrt über sah er alle paar Sekunden nervös in den Rückspiegel. „Sag sofort bescheid, wenn du merkst, dass wir verfolgt werden“, hatte er mich irgendwann angewiesen. Seitdem drehte auch ich mich ständig in meinem Sitz herum.
„Hast du mit jemandem darüber gesprochen, dass du her kommst?“, fragte er plötzlich.
„Ich hab das genaue Ziel ja selbst erst gekannt, als ich in London war“, antwortete ich patzig.
„Aber du wusstest, dass du nach Deutschland kommst“, vermutete Jonas.
„Ja.“
„Wem hast du das erzählt?“
„Nur der Stewardess. Weil ich telefonieren wollte.“ Plötzlich fiel mir etwas ein. „Da war noch ein Deutscher am Flughafen zu Hause. Er hat mir viele Fragen gestellt und ich war genervt von ihm und es ging mir nicht gut, wegen meiner Mom und allem. Da hab ich ihm, glaube ich, gesagt, dass ich her komme.“
„Shit! Hat dir denn niemand gesagt, dass du niemandem erzählen darfst, wo du hin fliegst? Niemand wäre auf dich aufmerksam geworden, wenn keiner gemerkt hätte, dass ein so junges Mädchen ganz allein um die halbe Welt reist.“
„Entschuldige mal!“, unterbrach ich seine Vorhaltungen. „Ich war in dem Moment nicht fähig, nachzudenken. Meine Mom ist ermordet worden und ich wurde, ohne den genauen Grund zu kennen, in ein Flugzeug gesetzt, das mich ans andere Ende der Welt bringen sollte, obwohl ich Flugangst habe!“
Jonas seufzte und sah mich entschuldigend an. Wir fuhren schweigend weiter. Ich sah Häuser an mir vorbeiziehen, dann Bäume, Felder und schließlich wieder Häuser. Das Auto wurde jetzt endlich langsamer und fuhr auf die Auffahrt eines kleinen Hauses. Jonas stellte den Motor ab und wir stiegen aus. Ich folgte ihm zur Haustür und er drückte auf die Klingel neben dem Schild, auf dem der Name Grau stand.
Nach einiger Zeit wurde die Tür von innen aufgerissen und im Rahmen erschien ein Mann um die vierzig. Er war groß, sah sportlich aus und hatte jugendlich hochgegelte, dunkelbraune Haare. Seine ebenfalls dunkelbraunen Augen sahen uns verwirrt an.
Jonas drängte sich an ihm vorbei ins Haus und zog mich am Ärmel hinter sich her. „Kann sein, dass wir verfolgt werden“, erklärte er dem Mann. Er schloss die Tür hinter uns.

http://www.fanfiktion.de/u/Rahena

Nala

avatar
Phantarch
Phantarch
auch dieses kapitel ist dir sehr gut gelungen.

oh man oh man ich hab bald keine komplimente mehr weil ich dir schon alle geschrieben hab also von daher sei bitte nicht beleidigt wenn ich dir als nur das selbe schreibe Wink

Rahena

avatar
Phantarch
Phantarch
Du kannst auch ruhig gerne mal was Negatives schreiben. Wenn dir irgendwas nicht zu 100% gefällt, auch wenn es nur ne Kleinigkeit ist, schreib das einfach. Ich will ja auch daraus lernen!

Hier ist wieder nur die erste Hälfte des nächsten Kapitels. Das ist nämlich wieder eines der längeren.

11
10. März, 12:48 Uhr

„Was ist hier los, Jonas?“, fragte der Mann aufgebracht. „Was machst du hier? Wer ist das?“
„Das“, beantwortete Jonas seine letzte Frage, „ist Sara. Die Sara. Deine Tochter.“
„Was?“, riefen der Mann, der mein Vater sein sollte, und ich wie aus einem Mund. Ich sah Jonas mit großen Augen an.
„Lyla ist tot“, fuhr Jonas fort. „Sara war in Amerika in Gefahr und wurde deshalb hier her geschickt. Mein Vater hatte den Auftrag, sich hier um sie zu kümmern und sie zu verstecken.“
„Lyla… ist… tot?“, stammelte der Mann.
Jonas nickte.
„Wo ist dein Vater?“, fragte Grau weiter.
Jonas schwieg.
„Er ist…“, begann ich. „Er wurde am Flughafen erschossen.“
„Oh mein Gott!“, keuchte mein Vater. „Jonas, ist alles in Ordnung mit dir? Am besten gehst du nach oben und nimmst ein Bad. Das entspannt, dann geht es dir gleich etwas besser.“
Ohne ein Wort ging Jonas die Treppe, neben der wir standen, nach oben. Ich hatte das Gefühl, dass er nicht ging, weil er meinem Vater zustimmte, sondern weil er einfach auf seine Anweisung reagierte – wie eine Maschine.
„Und wir zwei“, wandte der Mann sich an mich, „setzen uns ins Wohnzimmer und reden, okay?“ Ohne eine Antwort von mir abzuwarten lief er los und ich ging hinterher.
Er bot mir auf einem Sofa Platz an und setzte sich selbst auf einen Sessel, der daneben stand. Er rückte ihn so zurecht, dass er mir direkt gegenüber sitzen konnte.
„Du… du bist wirklich mein… Dad“, stammelte ich verwirrt.
Er nickte lächelnd. „Wenn du wirklich Sara Ford bist, bin ich das wohl. Aber du kannst auch Stefan zu mir sagen, wenn dir ‚Dad’ zu vertraut klingt.“
„Danke“, ich lächelte ihn scheu an. „Warum hast du Mom und mich nie besucht?“ Die Frage musste raus, ich hatte sie mir mein ganzes Leben lang gestellt und konnte sie mir jetzt keine Sekunde länger verkneifen.
Stefan seufzte traurig. „Ich habe Mist gebaut“, sagte er schließlich nach langer Stille. „Aber irgendwann muss es ja raus.“ Er machte wieder eine lange Pause und ich dachte schon, er würde doch nicht weiter sprechen.
„Ich habe Lyla verletzt“, fuhr er endlich fort, „und ich glaube, deswegen wollte sie nicht, dass ich dich sehe. Als deine Mutter mit dir schwanger war, habe ich… ich habe sie betrogen. Ich weiß nicht, warum ich es getan habe, schließlich habe ich deine Mom geliebt. Ich habe ihr auch alles gebeichtet, habe ihr versichert, dass es das erste und letzte Mal war, aber sie wollte mir nicht glauben oder konnte mir nicht mehr vertrauen. Sie hat sich von mir getrennt. Ich habe alles versucht, aber sie wollte mich nicht mehr sehen. Selbst als du geboren warst, wollte sie mich nicht zu dir lassen. Ich glaube, sie hatte Angst, dass ich dich auch verletzen könnte. Sie hat mir gedroht, vor Gericht zu gehen, wenn ich nicht aufhören würde, zu versuchen, euch zu sehen, also bin ich zurück nach Deutschland geflogen. Glaub mir, es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an euch gedacht habe.“
Er stand auf. „Warte“, sagte er. „Ich möchte dir etwas zeigen.“ Er ging zu einem Schrank und kam nach einigen Sekunden mit einem kleinen Karton zurück. „Lyla hat wohl nicht gewollt, dass ich gar nichts von meiner Tochter habe. Auf jeden Fall hat sie mir das hier geschickt.“ Er öffnete den Karton und förderte ein paar Fotos zu Tage. Sie zeigten ausschließlich mich – als Baby, kleines Kind, bei meiner Einschulung, sogar ein Foto mit Holly war dabei.
„Kannst du dir vorstellen, wie schrecklich das all die Jahre für mich war?“, fragte er mich. „Ich habe Lyla geliebt – immer, auch als ich schon längst wieder hier war – und dich auch, obwohl ich dich nie zu Gesicht bekommen hatte. Und ich konnte keine von euch sehen, geschweige denn in den Arm nehmen.“
„Aber warum hast du dich denn gar nicht mehr gemeldet?“, fragte ich leise. „Bestimmt hätte sie dir irgendwann verziehen.“
„Lyla hat mir nie verziehen. Ich habe bei euch angerufen – am Anfang fast jeden Tag. Ich habe gefragt, ob ich dich nicht wenigstens einmal ganz kurz sehen kann. Deine Mom hat abgeblockt. Ich verstehe es ja irgendwie schon, schließlich habe ich sie sehr enttäuscht. Weißt du, wir wollten heiraten, bevor... die Sache passiert ist.“
Ich sah ihn mit großen Augen an. Er fuhr fort: „Ich habe immer seltener angerufen, aber an einem Tag im Jahr habe ich es nie vergessen – am zweiundzwanzigsten Januar.“
„Mein Geburtstag“, flüsterte ich.
Er nickte abwesend. „Ich habe Lyla gebeten zumindest an diesem einen Tag kurz mit dir reden zu können oder zumindest, dass sie dir meine Glückwünsche ausrichtet.“
„Das… hat sie nie getan.“ Ich versuchte, nicht zu weinen. Ich hatte immer gedacht, dass mein Vater nichts von mir wissen wollte. Ich hatte mir oft vorgestellt, wie er sein könnte. Es waren immer negative Personen. Mal hatte ich mir ausgemalt, er habe meine Mom vergewaltigt, dann dass er ein Mörder sei, der auf der Flucht ständig an anderen Orten lebte oder sogar schon im Knast saß. Einmal hatte ich meine Mom gefragt, ob er tot sei. Das hatte sie entschieden verneint. Ansonsten war das Thema immer ein großes Tabu gewesen. Das Ende meines Gedankengans sprach ich laut aus: „Ich hätte nie gedacht, dass meine Mom diejenige sein könnte, die ein Treffen mit dir verhindert hat.“

http://www.fanfiktion.de/u/Rahena

Gesponserte Inhalte


Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben  Nachricht [Seite 1 von 3]

Gehe zu Seite : 1, 2, 3  Weiter

Befugnisse in diesem Forum
Sie können in diesem Forum nicht antworten